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Goldener Schnitt oder
die stetige Teilung
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Was ist der Goldene Schnitt?
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Eine Strecke wird s=AB wird im goldenen Schnitt durch den Punkt T geteilt,
wenn die gesamte Strecke sich zum größeren Abschnitt so verhält
wie diese zum kleineren. |
In Formelsprache heißt das AB:AT=AT:TB.
Man sagt auch:
"Die Strecke AB wird durch T stetig geteilt" oder
"Die Strecke AT ist die mittlere Proportionale zu AB und TB".
Aus der Proportion AB:AT=AT:TB folgt die Produktgleichung
AT²=AB*TB oder auch AT=sqrt(AB*TB).
Dann ist auch die Deutung möglich: "Die Strecke AT ist das geometrische
Mittel von AB und TB".
Das Teilverhältnis
Phi top
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Führt man die Variablen s=AB und x=AT ein, so heißt die
Proportion s:x=x:(s-x). |
Die Länge der Strecke s sei gegeben. Dann lässt sich die Teilstrecke
x wie folgt berechnen.
Die Proportion ist s:x=x:(s-x), die Produktgleichung s(s-x)=x².
Das ist die quadratische Gleichung x²+sx-s²=0 mit den Lösungen
x1=(1/2)[sqrt(5)-1]s und x2=(1/2)[-sqrt(5)-1]s.
Es gilt x>0. Somit ist x=x1 die einzige Lösung. Es
gibt also genau einen Teilpunkt.
Das führt zum Verhältnis s/x=s/{(1/2)[sqrt(5)-1]}=(1/2)[sqrt(5)+1]
oder gerundet s/x=1,618.
Man bezeichnet dieses Verhältnis oft mit dem großen griechischen
Buchstaben Phi.
Das umgekehrte Verhältnis ist x/s=(1/2)[sqrt(5)-1]
oder gerundet x/s=0,618. Es heißt dann konsequenterweise phi.
Die stetige
Teilung top
Der Goldene Schnitt heißt auch stetige Teilung. Der Name ergibt
sich aus der folgenden Eigenschaft.
Trägt man den kleineren Abschnitt s-x auf der größeren
Teilstrecke x ab, so wird diese Strecke x durch den neuen Teilpunkt ebenfalls
stetig geteilt.
Nachweis:
Es gilt x:(s-x)=(s-x):[x-(s-x)] oder x:(s-x)=(s-x):[2x-s].
Daraus folgt die Produktgleichung x(2x-s)=(s-x)² oder 2x²-sx=s²-2sx+x²
oder x²+sx-s²=0. Das ist die quadratische Gleichung von oben.
Somit ist es die gleiche Teilung.
Die Teilung kann beliebig oft wiederholt werden.
Konstruktion des
Goldenen Schnitts top
Das ist die Standard-Konstruktion.
(1) Gegeben sei die Strecke AB, die geteilt werden soll.
(2) Zeichne zu AB die Senkrechte durch B der Länge BC=(1/2)AB.
(3) Zeichne die Strecke AC.
(4) Zeichne einen Kreis um Punkt C mit dem Radius BC. Nenne den Schnittpunkt
mit der Strecke Punkt S.
(5) Zeichne einen Kreis um Punkt A mit dem Radius AS. Nenne den Schnittpunkt
mit der Strecke AB Punkt T.
Ergebnis: T teilt AB (innen) im Goldenen Schnitt.
Beweis:
Es sei AB=a. Es ist nach dem Satz des Pythagoras AC²=AB²+BC²=a²+[(1/2)a]²=(5/4)a².
Dann ist AC=(1/2)sqrt(5)a.
Für das gesuchte Verhältnis gilt
AT:AB=AS:AB=(AC-CS):AB=[(sqrt(5)a-a]:2a=(1/2)[sqrt(5)-1]
wzbw..
Weitere Konstruktionen mit Begründungen findet
man bei Michael Holzapfel und Bernhard Peter (URL unten).
Äußere
Teilung top
Der Vollständigkeit halber soll noch gezeigt werden, dass es allgemein
- unabhängig vom Goldenen Schnitt - neben einem inneren Teilpunkt
T auch einen äußeren Teilpunkt U gibt. Es sei denn, die Strecke
AB wird halbiert.
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Das ist die bekannte Konstruktion eines Teilpunktes T, der die Strecke
AB im Verhältnis AC zu DB teilt. |
Diese Zeichnung wird erweitert.
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Man zeichnet die Gerade DB und trägt auf ihr von B aus die Strecke
DB nach oben hin ab. Man erhält Punkt D'. Man zeichnet die Gerade
CD'. Sie schneidet die Gerade AB in Punkt U.
Punkt U ist der gesuchte äußere Teilpunkt. |
Beweis:
Mit BD=BD' und zweimaliger Anwendung des 2.Strahlensatzes gilt AT:TB=AC:BD=AC:BD'=AU:UB.
Man kann also in AT:TB den Punkt T durch Punkt U ersetzen.
Ergebnis: Punkt T teilt Strecke AB innen, Punkt U die Strecke AB außen.
Mehr findet man bei Wikipedia unter dem
Stichwort "Harmonische Teilung" (URL unten).
Darstellungen von Phi
und phi top
Für die Zahlen phi=(1/2)[sqrt(5)-1] und Phi=(1/2)[sqrt(5)+1]
gibt es u.a. drei bemerkenswerte Grenzwert-Darstellungen.
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Für die Fibonacci-Folge [a1=1, a2=1, an=an-1+an-2,
n>2] gilt
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Herleitungen (Sie bleiben nur formal.)
Die Zahl phi erfüllt die quadratische Gleichung x²+sx-s²=0
für s=1. Das heißt (phi)²+(phi)-1= 0.
Die Zahl phi erfüllt also die quadratische Gleichung x²+x-1=0.
Dann ist x(1+x)=1 oder x=1/(1+x). Für
das rote x kann man wieder x=1/(1+x) setzen usw.. So entsteht der Kettenbruch.
Die Zahl phi erfüllt die quadratische Gleichung
x²+x-1=0.
Die Zahl phi=1/Phi erfüllt die quadratische Gleichung x²+x-1=0
für s=1. Dann gilt (1/Phi)²+(1/Phi)-1= 0 oder 1+Phi-(Phi)²=0.
Die Zahl Phi erfüllt also die quadratische Gleichung x²-x-1=0.
Dann ist x²=x+1 oder x=sqrt(1+x).
Für das rote x kann man wieder x=sqrt(1+x). setzen usw.. Das ist die
Wurzelkette.
Es gilt an+1/an=(an+an-1)/an.=1+an-1/an.=1+1/(an/an-1).
Es sei qn die Folge der Quotienten. Dann gilt also qn
=1+1/qn-1.
Für den Grenzwert q bei n gegen Unendlich gilt analog q=1+1/q.
Daraus folgt q²=1+q oder q²-q-1=0. Das ist aber die Bestimmungsgleichung
für Phi.
Das goldene Dreieck
und Rechteck top
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Das goldene Dreieck ist ein gleichschenkliges Dreieck, bei dem das
Seitenverhältnis von Schenkel zu Grundseite Phi ist.
Nachweis: Zeichnet man eine Winkelhalbierende ein, entsteht ein zum
Dreieck ähnliches Teildreieck. Es gilt a:x=x:(a-x). Das ist das Verhältnis
des Goldenen Schnitts. |
Die Zeichnung ist nur möglich, wenn man ein Dreieck mit den Innenwinkeln
72°, 72° und 36° vorgibt.
Mehr über dieses goldene Dreieck und den Goldenen Schnitt findet
man auf meinen Seiten
Zehneck,
Fünfeck,
Doppelquadrat und Sterne.
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Das goldene Rechteck ist ein Rechteck mit dem Seitenverhältnis
Phi.
Zeichnet man ein Quadrat ein, so entsteht wieder ein goldenes Rechteck.
Es gilt nämlich a:x=x:(a-x). Das ist die Proportion des Goldenen Schnitts. |
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Noch mehr über dieses Rechteck findet man auf meiner Seite Ikosaeder. |
Ein Maß für die
Schönheit? top
Bisher habe ich grundlegende Tatsachen zum Goldenen Schnitt dargestellt.
Sie sind bemerkenswert. Trotzdem ist erstaunlich, dass es im Internet zu
kaum einem anderen mathematischen Thema so viele Seiten gibt wie zum Goldenen
Schnitt. Dabei ist die Zahl Phi=(1/2)[sqrt(5)+1] eine schlichte
irrationale Zahl, nicht zu vergleichen mit den transzendenten Zahlen Pi
oder e, die einen umfangreichen mathematischen Hintergrund haben. Mathematische
Lexika z.B., die die gängige Mathematik umfassen, erwähnen den
Goldenen Schnitt meist gar nicht oder nur mit einer kurzen Bemerkung. Nach
längerem Suchen fand ich im Bronstein (1) eine kurze Bemerkung von
acht Zeilen.
Gerne beschäftigen sich mit diesem Thema Liebhaber der Unterhaltungsmathematik
(so wie ich hier tue).
Er verführt zum Spekulieren.
Das aber ist wahr: Der Goldene Schnitt spielte in der Kunstgeschichte
eine Rolle.
Für meine Seite Sterne verfasste ich 2003
das folgende Kapitel.
Der bekannte Fernsehjournalist Professor Heinz Haber hat in den 1960iger
Jahren das Zahlenverhältnis des Goldenen Schnitts einmal in seiner
Reihe "Mathematisches Kabinett" folgendermaßen gekennzeichnet.
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Gegeben sind in einem Versuchsraum nur ein niedriger Schrank und eine
Blumenvase mit Blumen. Versuchspersonen sollen auf den Schrank eine Blumenvase
so hinstellen, dass es "schön" aussieht. Die wenigsten stellen die
Vase in die Mitte. Das sieht langweilig aus. Die meisten stellen die Vase
ein wenig rechts oder links von der Mitte, wie es die Skizze zeigt. Es
stellt sich heraus, dass die Vase die Schrankbreite etwa im Verhältnis
des Goldenen Schnittes teilt. Dieses Empfinden ist uns wohl anerzogen und
ist Teil unserer westlichen Kultur. |
Ich schob schon damals Professor Haber vor, da ich meine Zweifel hatte,
ob sich bei diesem Experiment tatsächlich der Goldene Schnitt
ergibt.
Auf meiner Seite Papierformat
A4 von 2004 befindet sich die folgende Animation.
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Muss man das A4-Format nicht schöner finden, nicht zuletzt deshalb,
weil es uns vertraut ist? |
Meine Sicht des Goldenen Schnitts ist kritischer
geworden, nicht zuletzt auch wegen eines Artikels der MAA online in der
Reihe
Devlin's Angle. Hinter MAA steht die renommierte "The Mathematical
Association of America".
Keith Devlin: Good stories, pity they're not true (Gute Geschichten,
aber schade, sie sind nicht wahr) (2004)
Der Autor erwähnt darin den folgenden Aufsatz, der auch im Internet
zugänglich ist.
George Markowsky: Misconceptions About the Golden Ratio (Fälschliche
Annahmen zum Goldenen Schnitt) (1992)
Die Titel lassen erkennen, welche Tendenz die Artikel haben, aber es
werden reizvolle Eigenschaften des Goldenen Schnitts beileibe nicht verschwiegen.
Ausklang top
Zum Schluss zwei kleine Schlenker mit persönlichem Bezug.
Besuch in Leipzig
Im vorigen Monat März 2008 besuchten wir Leipzig und bewunderten
auch das alte Leipziger Rathaus. Es wurde 1556 von dem regierenden Bürgermeister
und Großkaufmann Hieronymus Lotter errichtet und gehört heute
wohl zu den bedeutenden Bauten aus der Zeit der Renaissance.
Der Turm teilt das Gebäude im Verhältnis des Goldenen Schnitts.
Ich nehme an, es gibt entsprechende Baupläne, die das belegen.
Man kann in einer Frontalaufnahme das Teilverhältnis nachmessen.
Leider konnte ich kein entsprechendes Fotos machen. Der Bau ist sehr
breit und der Vorplatz kurz. Man benötigt ein Weitwinkelobjektiv.
Dann ist der Vorplatz im Moment eine Baustelle. Der Blick auf das Gebäude
wird zum Teil zugestellt. So biete ich hier eine Sicht vom Dach des City-Hochhauses
an.
Bauchnabel als Teilpunkt
;-)
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Das ist die Silhouette eines Mannes. Der weiße Fleck kennzeichnet
die Lage des Bauchnabels.
Der Bauchnabel teilt seine Größe im Verhältnis 159 Pixel:102
Pixel=1,6 (auf 2 Stellen gerundet).
Darf man daraus folgern, dass der Bauchnabel die Höhe einer Person
im Goldenen Schnitt teilt?
Das wäre unwissenschaftlich. Man müsste viele Personen ausmessen
und einen Mittelwert bilden.
Es hat sich wohl herausgestellt, dass er tatsächlich 1,6 ist. Na
und? Das ist doch Zufall!
Es wäre mehr als verwegen, diese Zahl 1,6 als Phi=(1/2)[sqrt(5)+1]
zu deuten. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass eine so ungewöhnliche
Zahl wie sqrt(5) im Bauchnabel versteckt ist. ;-) |
Wer einmal die ansonsten sehenswerte Wanderausstellung
des Mathematikums Gießen "mathematik zum anfassen" besuchte, verließ
sie doch tatsächlich mit der Vorstellung, der Bauchnabel habe etwas
mit dem Goldenen Schnitt zu tun. Ich vermisste das Wort Zufall.
Ich wiederhole von oben: "Eine gute Geschichte, aber schade, sie ist
nicht wahr".
Goldener Schnitt im Internet
top
Deutsch
Christian Strutz
Über
die Eigenschaften der Zahlen Phi und phi
Herbert Henning & Christian Harfeldt
Goldener
Schnitt in der Mathematik (.pdf-Datei)
Michael Holzapfel
Goldener
Schnitt
Bernhard Peter
Der Goldene
Schnitt - Mathematik und Bedeutung
Helmut Kramer
Der
goldene Schnitt
Wolfgang Georg Scheibenzuber (Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium Vilsbiburg)
Facharbeit Der
Goldene Schnitt
Wikipedia
Goldener Schnitt,
Harmonische
Teilung, Fibonacci-Folge
Altes
Rathaus (Leipzig)
Englisch
Antonio Gutierrez
Le
Garcon
a la Pipe (Boy with a Pipe), Pablo Picasso 1905 and the Golden Rectangle
Eric W. Weisstein (MathWorld)
Golden Ratio,
Golden
Angle,
Golden
Rectangle,
Golden
Triangle,
Fibonacci
Number,
Golden
Spiral,
Keith Devlin (Devlin's Angle) MAA
Good stories,
pity they're not true
George Markowsky
Misconceptions About
the Golden Ratio (.pdf file)
Wikipedia
Golden ratio,
Golden
ratio base,
Golden
angle, Golden
rectangle, Golden
triangle (mathematics), Kepler
triangle, Fibonacci
number, Golden
spiral, Square
root of 5,
Referenzen top
(1) I.N.Bronstein, K.A.Semendjajew: Taschenbuch der Mathematik, Leipzig
1987 (Seite 115)
Feedback: Emailadresse auf meiner Hauptseite
URL meiner
Homepage:
http://www.mathematische-basteleien.de/
©
2008 Jürgen Köller
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